Bei der vorgezogenen Wahl in Thailand zeichnet sich eine Führung der konservativen Bhumjaithai Party des amtierenden Regierungschefs Anutin Charnvirakul ab. Laut Hochrechnungen nach der Auszählung von rund einem Viertel der Stimmen dürfte die Partei 198 der 500 Sitze im thailändischen Repräsentantenhaus bekommen. Die Partei und ihr Vorsitzender hatten von einer Welle des Nationalismus infolge des Grenzkonflikts mit Kambodscha profitiert. Um auch in Zukunft die Regierung zu stellen, muss sich die Partei aber voraussichtlich Koalitionspartner suchen. Dafür kommen neben einigen kleinen und mittelgroßen Parteien die People’s Party sowie die Pheu Thai Party infrage, die laut den Hochrechnungen auf dem zweiten und dritten Platz landen dürften. Das amtliche Endergebnis wird erst in einigen Wochen erwartet. Die meisten Umfragen hatten zuvor mit einem Sieg der reformorientierten People’s Party gerechnet. Ihre Vorgängerpartei, die Move Forward Party, war aus der Wahl 2023 als stärkste Partei hervorgegangen. Nach der Wahl hatte aber der von der früheren Militärregierung ernannte Senat verhindert, dass der damalige Move-Forward-Vorsitzende Pita Limjaroenrat zum Regierungschef gewählt wurde. Verfahren wegen „ethischen Fehlverhaltens“ Später war die Partei wegen ihrer Forderung nach einer Reform der Gesetze gegen Majestätsbeleidigung vom Verfassungsgericht aufgelöst worden. Die damalige Parteiführung wurde mit zehnjährigen Politikverboten belegt. Gegen den derzeitigen Parteichef, den 38 Jahre alten Software-Ingenieur Natthaphong Ruangpanyawut, und 43 weitere Parteimitglieder laufen nun Verfahren wegen „ethischen Fehlverhaltens“. Drittstärkste Kraft könnte den vorläufigen Zählungen nach die Pheu Thai Party werden, die dem Milliardär und ehemaligen Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra treu ergeben ist. Ihr Hauptkandidat für das Amt des Regierungschefs, Yodchanan Wongsawat, ist ein Neffe Thaksins. Die Pheu Thai Party hatte nach der Wahl 2023 zwei Regierungschefs gestellt, die aber beide von Richtern abgesetzt wurden. Darunter war auch Paetongtarn Shinawatra, die Tochter Thaksins, die über ein Telefonat mit dem kambodschanischen Senatspräsidenten Hun Sen gestolpert war. Nach der Absetzung Paetongtarns hatte der Bauunternehmer und ehemalige Gesundheits- und Innenminister Anutin im September 2025 das Amt des Regierungschefs übernommen. Anutins Minderheitsregierung wurde von der People’s Party unter der Bedingung geduldet, dass innerhalb von vier Monaten Wahlen abgehalten werden. Die Neuwahl hatte er im Dezember ausgerufen. Sie fand unter dem Eindruck wirtschaftlicher Probleme und des Grenzkonflikts mit Kambodscha statt. Die beiden Nachbarländer hatten sich im Juli und Dezember mehrtägige Gefechte geliefert. Parallel zur Parlamentswahl konnten die 53 Millionen Wahlberechtigten außerdem in einem Referendum darüber entscheiden, ob sich das Land eine neue Verfassung geben soll. Die Mehrheit der Wähler hat sich den vorläufigen Zahlen zufolge dafür ausgesprochen. Die derzeitige Verfassung, die aus dem Jahr 2017 stammt, ist umstritten, weil sie zur Zeit des damaligen Militärregimes verabschiedet worden war. Sie hatte der damaligen Militärregierung ermöglicht, die 250 Senatoren zu ernennen, die auch an der Wahl des Ministerpräsidenten beteiligt sind. Dieses Recht des Senats ist im Jahr 2024 zwar ausgelaufen. Eine neue Verfassung gilt aber vielen trotzdem als notwendiger Schritt zu einem demokratischeren Thailand.
